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Neuropsychologie

(neuropsychologische Störungen, organisch bedingte psychische Störungen, neuropsychologische Therapie)

Die Neuropsychologie in der Behandlung und Rehabilitation erworbener Hirnschäden

Welche Folgen können Erkrankungen des Gehirns haben?  

Nur ein Drittel der Patienten konnten - nach einem traditionellen Rehabilitationsprogramm  mehreren internationalen Untersuchungen zufolge - über die Ergebnisse von Rehabilitationsbehandlungen ihre Arbeit wieder aufnehmen. Weniger körperliche Beeinträchtigungen als vielmehr Störungen im Bereich der geistigen Leistungsfähigkeit, im Gefühlsleben sowie im Sozialverhalten (neuropsychologische Störungen) hinderten an einer erfolgreichen sozialen Wiedereingliederung. Sie wurden von Familienmitgliedern nach der Entlassung als problematisch und belastend erlebt. Eine erhöhte Scheidungsquote, zunehmende Vereinsamung der Betroffenen, soziale Isolierung und finanzielle Probleme sind typisch für die soziale Situation nach Erleiden einer Hirnschädigung. Viele junge Patientinnen und Patienten lebten und leben Jahre nach dem Ereignis wieder in ihrer Ursprungsfamilie, da Partner und Freunde den Belastungen nicht standgehalten haben.  

Neuropsychologie: Was genau sind neuropsychologische Störungen?  

Als neuropsychologische Störungen werden hirnschädigungsbedingte Störungen  

  •       der geistigen Leistungsfähigkeit (der Basisfunktionen Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Intellektuelle Funktionen, Sprache sowie komplexerer Phänomene wie Planen und Problemlösen/ Exekutivfunktionen),

  •       des Erlebens (Emotionen/Affekte),

  •       der Motivation

  •       und daraus resultierende Verhaltensstörungen  

bezeichnet.
Die letzten drei Störungsbereiche werden zusammenfassend auch als organisch bedingte Persönlichkeitsstörungen oder organische Wesensänderung bezeichnet. Die neuropsychologische
n Störungen äußern sich nach Entlassung aus der Rehabilitation im Alltag z. B. dadurch, dass Betroffene durch unruhige Kinder überfordert sind, Gesprächen im Freundeskreis wegen Konzentrationsstörungen nicht mehr folgen können, dass sie sich von ihren Beschäftigungen leicht ablenken lassen, Namen von Bekannten oder Aufträge nicht erinnern, schon bei relativ kleinen Frustrationen am Arbeitsplatz die Fassung verlieren und ihre aggressiven Impulse nicht kontrollieren können oder ihren Alltag nicht mehr allein regeln können. Ein großes Problem besteht darin, dass den Betroffenen selber diese Störungen oft nicht bewusst sind oder dass sie in ihren Auswirkungen unterschätzt werden.  

Neuropsychologie: Diagnostik  

Eine neuropsychologische Therapie setzt zunächst eine spezifische neuropsychologische Diagnostik voraus. Sie verfolgt je nach Auftrag folgende Zielsetzungen:

  •      Qualifizierung und Quantifizierung der Störungen

  •      Beurteilung von individuellen Ressourcen und Kompensationsleistungen

  •      Zufallskritische Beurteilung des Verlaufs (Progredienz/ Restitution) neuropsychologischer Defizite

  •      Differentialdiagnose funktioneller und organischer Defizite

  •      Abschätzung des Therapiepotentials

  •      Planung der neuropsychologischen Therapie,  

und basiert in ihrem Ansatz auf einem fundierten Grundlagenwissen der Ätiopathogenese organisch bedingter psychischer Störungen sowie deren Therapie und Verlauf. Bei der Interpretation der erhobenen Befunde müssen neben der Interaktion verschiedener kognitiver Funktionen emotionale und motivationale Veränderungen, assoziierte Defizite sowie Medikamenteneinflüße (z.B. Antikonvulsiva, Beta-Blocker, Psychopharmaka) berücksichtigt werden.  

Die den oben beschriebenen Problemen zugrundeliegenden Störungen können durch eine ganze Reihe neuropsychologischer Test- und Untersuchungsverfahren erfasst werden. An diese sind - wie bei allen Messinstrumenten, die psychische Funktionen abbilden sollen - hohe Anforderungen bzgl. der Testgütekritierien zu stellen, um die zugrundeliegende Merkmale möglichst sicher zu erfassen. Mit schlechten Verfahren lassen sich therapieinduzierte Veränderungen nicht von Zufallsveränderungen unterscheiden. Eine Auflistung und Kurzbeschreibung spezieller neuropsychologischer Testverfahren läßt sich z.B. dem Testkatalog der Testzentrale (Hogrefe, 1998/99, S. 185-201) entnehmen. Ausführlich werden neuropsychologische Tests in Cramon, Mai und Ziegler (1993), Lezak (1995), Spreen und Strauss (1997) und Wade (1992) sowie im Lehrbuch der Klinischen Neuropsychologie von Sturm, Herrmann und Wallesch (2000) vorgestellt.

Doch nicht nur durch Testverfahren können neuropsychologische Störungen erfasst werden. Besonders im Bereich von Persönlichkeitsveränderungen kommen strukturierte klinische Interviews mit Patienten und Angehörigen neben Persönlichkeitstests und Fragebogenverfahren zur Selbst- und Fremdeinschätzung zur Anwendung. Da bei einer Vielzahl der Patienten keine ausreichende Einsichtsfähigkeit in die Folgen der Hirnschädigung gegeben ist, sind in der Regel Angehörige oder unmittelbare Bezugspersonen mit einzubeziehen. 

Zusätzlich sind Verhaltensbeobachtung und Verhaltensproben wichtige Bestandteile der neuropsychologischen Diagnostik (Lezak, 1995). Schon bei der Durchführung standardisierter psychometrischer Tests gibt die Verhaltensbeobachtung während der Testdurchführung wertvolle Hinweise auf mögliche kognitive, emotionale und motivationale Störungen. Im Mittelpunkt der Verhaltensbeobachtung während der Testdurchführung steht das Instruktionsverständnis, die Entwicklung von Lösungswegen, Aspekte der Handlungsplanung (z.B. Strukturierung der Aufgabe in Teilziele, Aufteilung einer größeren Anzahl von Informationen in Kategorien), die Umsetzung zielgerichteter Handlungsschritte sowie das Erkennen und Korrigieren von Fehlern. Verhaltensproben außerhalb des Untersuchungszimmers liefern weitere wichtige diagnostische Informationen. Insbesondere lässt sich dadurch die funktionelle Relevanz kognitiver Störungen in verschiedenen Alltagssituationen beobachten und beurteilen.  

Neuropsychologie: Neuropsychologische Therapie  

Für die oben beschriebenen neuropsychologische n Störungen sind in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Therapieverfahren entwickelt worden, die sowohl auf Funktions- als auch auf Kompensationsebene das Störungsausmaß sowie die daraus resultierende Behinderung vermindern oder beseitigen helfen.  

Nach Kenntnis der organisch bedingten kognitiven und emotional-affektiven Störungen, der verbliebenen Ressourcen, der verhaltensbegrenzenden Faktoren der Grunderkrankung, der Veränderungsmotivation, des sozialen und beruflichen Umfelds wird unter Einbeziehung der Kenntnisse über die begrenzenden Faktoren der Erkrankung für die erkrankte Person in Hinblick auf ihr persönliches Ziel hin ein Behandlungsplan erstellt.  

Neuropsychologische Therapie umfasst zunächst das Bemühen um größtmögliche Verminderung der funktionellen Defizite durch funktionelle Therapien in den Bereichen Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Denken usw. - Sie umfasst weiterhin das Erlernen der Kompensation beeinträchtigter Funktionen (Kompensationstherapien). Die veränderten Bedingungen erfordern die Entwicklung eines neuen emotionalen Gleichgewichts im Patienten, d.h. der Patient soll lernen, die neuen Bedingungen ohne Verlust der Selbstachtung anzunehmen. Er muss seine Erkrankung und deren Folgen verarbeiten. - Neuropsychologische Therapie umfasst schließlich die soziale und berufliche Neuanpassung durch die Herausarbeitung und Verwirklichung neuer Verhaltensweisen (Integrative Therapien), wie auch die Anpassung des familiären, sozialen und beruflichen Umfelds an die veränderte Situation des Patienten.  

Allgemeines Ziel der neuropsychologischen Therapie ist also die Herstellung einer neuen Balance zwischen dem hirngeschädigten Patienten - mit seinen veränderten Voraussetzungen - einerseits und den Umweltbedingungen und Erwartungen, die an ihn gerichtet werden, andererseits.  

Die Therapie verläuft in folgenden Phasen, die allerdings nicht bei jedem Patienten vorkommen müssen:  

  1.       Verbesserung der Störungseinsicht

  2.       Verbesserung der Voraussetzungen für eine Veränderung durch Verbesserung der Reaktivität sowie der Fähigkeit und der Motivation zur Veränderung maladaptiver Verhaltensweisen

  3.       Verbesserung der gestörten Funktionen durch Funktionstherapien, soweit diese indiziert sind

  4.       Verbesserung der Akzeptanz der eigenen Situation

  5.       Optimierung von Kompensationsprozessen, vorzugsweise in der zu bewältigenden Situation selber

  6.       Einschätzung und Etablierung der noch benötigten Unterstützung, die ein Patient nach der Therapie zum Erhalt erreichter Therapieziele benötigt  

Neuropsychologie: Wohnortnahe Rehabilitation  

Wichtige Erkenntnis bei der Rehabilitation Hirngeschädigter, insbesondere bei der beruflichen Reintegration, ist verschiedenen Untersuchungen zufolge, dass diese oft Probleme haben, in den Rehabilitationsinstitutionen Gelerntes in ihren Alltag selbständig zu transferieren. Auch werden Umstellungen in der häuslichen oder beruflichen Situation (z.B. Einführung eines neuen Computersystems am Arbeitsplatz, Umzug in eine neue Stadt) wegen der oft eingeschränkten Flexibilität und anderer in den Bereich exekutiver Funktionen gehöriger Störungen nur schlecht bewältigt. In der beruflichen Rehabilitation haben sich deshalb therapeutische Maßnahmen bewährt, die direkt vor Ort am Arbeitsplatz oder in der Familie des Betroffenen gewährt werden.  

Neuropsychologische Therapie in der Neurologischen Klinik Westend  

Im frühen Stadium einer neurologischen Erkrankung stehen für Patienten und Angehörige körperlichen Störungen (nicht laufen können, eventuell die Ausscheidung nicht kontrollieren zu können, nicht sprechen zu können) oft im Vordergrund der Bemühungen und Patienten sehen die Wiederherstellung dieser Funktionen in der Regel als vordringlich an. Psychische Störungen werden oft noch nicht bemerkt oder wichtig genommen, da man davon ausgeht, dass sie sich bis zur Entlassung von alleine geben oder sie werden nicht bemerkt, weil sie im Schonraum einer Klinik nicht benötigt werden. Im Bereich Frührehabilitation steht zunächst neuropsychologische Diagnostik und die Therapie von organisch bedingten Sehstörungen, die ein Schwerpunkt unserer Abteilung Neuropsychologie ist, Aufmerksamkeitsstörungen sowie Beratung des therapeutischen Teams bei Schwierigkeiten bei der Behandlung von Patienten. Ein weiterer Schwerpunkt ist die psychotherapeutische Unterstützung bei der Krankheitsverarbeitung und die Beratung und Unterstützung von Angehörigen.  

Patienten mit ausgeprägten neuropsychologischen Störungen (z.B. schweren Gedächtnisstörungen, exekutiven Störungen, Verhaltensstörungen, mangelnder Krankheitseinsicht und Patienten mit leichteren neuropsychologischen Störungen, die aber noch wieder in den Beruf zurückkehren wollen oder müssen oder bisher allein lebten oder für Schutzbefohlene zuständig waren, und bei denen es nicht sicher ist, ob sie dieses wieder leisten können, werden auf einer Neuropsychologischen Schwerpunktstation behandelt. Hier ist unter der Leitung von Klinischen Neuropsychologen eine intensive alltagsorientierte neuropsychologische Behandlung sichergestellt, in die Pflege- und Therapeutenteam einbezogen sind.  

Ein wichtiges Anliegen ist uns die gute neuropsychologische Weiterbehandlung unserer neuropsychologischen Patienten. Wir arbeiten daher wenn irgend möglich eng mit niedergelassenen Neuropsychologen zusammen, um die meist erst nach der Rehabilitation auftretenden Probleme neurologischer Patienten mit neuropsychologischen Folgestörungen möglichst gering zu halten.  

Dr. K. Schoof-Tams  
Psychologische Psychotherapeutin  
Klinische Neuropsychologin GNP

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Aktualisiert: Juni 2010

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